Expertengespräch mit Stratosphären Springer Felix Baumgartner

 

Beim Saisonfinale der DTM 2013 am Hockenheimring konnte ich ein Interview über das Thema „Mentale Stärke“ mit Felix Baumgartner, dem wohl bekanntesten Extremsportler der Welt, führen. Er war als Legende beim Volkswagen Scirocco R Cup am Start und hat sich am Samstag zwischen Qualifying und dem ersten Rennen Zeit für ein Gespräch mit mir genommen.

Wenn man Felix fragt, was für ihn mentale Stärke bedeutet bekommt man eine ganz klare Antwort: „Selbstvertrauen! Ich war immer ein sehr großer Vertreter von Selbstvertrauen, weil ich glaube einfach die gute Leistung kommt mit dem Selbstvertrauen. Wenn du weißt du kannst diese Leistung, du hast es schon einmal gemacht und du kannst diese Leistung auch zum richtigen Zeitpunkt abrufen – was sehr entscheidend ist! – dann performst du auch auf einem sehr hohen Level sehr sehr gut. Daher war für mich immer die Vorbereitung ein sehr großer Faktor. (…) So habe ich das auch immer gemacht bei meinen ganzen Sprüngen, eine sehr ausführliche, sehr gute, gediegene Vorbereitung.“ Für Felix kommt eine gute Leistung also von einer ausführlichen und akribischen Vorbereitung. Er geht dabei immer vom Bekannten zum Unbekannten und erarbeitet sich somit Schritt für Schritt ein sehr gutes Grundvertrauen. „Also ich breche diese Geschichten immer runter auf die nächste Aufgabe, da ist mein voller Fokus drauf, dann ist die abgehackt, dann geht der Fokus weiter zur nächsten Aufgabe. Weil sonst wärst du ja völlig überfordert. (…) Je mehr Du Dinge einfach abhaken kannst: Habe ich schon einmal erlebt, kann ich, weiß ich. Umso mehr kannst Du Dich auf die eigentliche Aufgabe konzentrieren und das ist meiner Meinung nach das Wichtigste. Dinge üben, üben, üben um sie abhaken zu können, um dann den Fokus auf die eigentliche Aufgabe richten zu können.“

Aber auch ein funktionierendes Team ist für ihn sehr wichtig, um zu dem Zeitpunkt wo er seine Leistung erbringen muss, „frei im Kopf und im Einklang mit sich selber zu sein. (…) Da merkst du immer wieder, wenn ein Team gut unterwegs ist, dann ist die Motivation auch da, dann ist diese positive Energie da und dann läuft es einfach. Und wenn es nicht funktioniert, dann ist es sehr schwer aus dieser Negativspirale wieder raus zu kommen.“ Und Felix weiß auch, dass diese Negativspirale immer wieder auftritt, in jedem seiner Projekte. Und es ist seinen Aufgabe als Leader, sein Team immer wieder auf den positiven Weg zu führen. Und er hat Spaß an dieser besonderen Aufgabe: „Ja, das hat mich auch als Mensch sehr gefordert und ich habe dadurch auch sehr viele Skills mitbekommen, die andere Sportler nicht haben und auch nicht brauchen würden.“ Aber er weiß auch, dass es für diese Doppel- und Mehrfachbelastungen ein sehr gutes Selbstmanagement braucht, welches er sich über die Jahre hart erarbeitet hat.

Kraft, Energie und Motivation nimmt Felix aus seiner Vorstellungskraft. „Ich habe eine sehr gute Vorstellungskraft, wie das Ding am Ende aussehen wird. Ich sehe und fühle es. Ich habe eine so starke visuelle Kraft in mir, das ich mir Dinge total geistig vorstellen kann.“ Und das mit allen Reaktionen, so wurde bei der Vorbereitung auf den Stratos Sprung festgestellt, das sich der Pulsschlag von Felix  bei einem Sprung in seiner Vorstellung sehr ähnlich verhält zum Pulsschlag beim tatsächlichen Sprung aus der Stratosphäre.

Trotzdem bleibt Felix Baumgartner immer ein Mensch, mit seinen ganz persönlichen Ecken und Kanten. „Du hast viele viele Ängste, du hast viele viele Unsicherheiten in dir, die vielleicht nach außen gar nicht so durchdringen. Ich bin nicht so ein Mensch der das verbirgt. Ich muss jetzt nicht dastehen als der Held, der keine Angst hat. Sondern ich bin eher das Gegenteil, der sagt ja natürlich habe ich genauso Angst, ja natürlich habe ich auch oft Selbstzweifel, aber die musst du halt dann mit einer guten Vorbereitung ausräumen und dann sagen: Hey, das habe ich mir jetzt nicht zugetraut! (…) Und ich glaube man macht sich im Kopf oft dann auch selber zu viel Stress. Man möchte immer alles perfekt sagen, ich darf mich nicht versprechen… Warum soll ich mich nicht versprechen, ich bin auch nur ein Mensch. (…) Ich bin ein Extremsportler mit Ecken und Kanten und wenn ich mich einmal verspreche – who cares! Und das ist glaube ich auch wichtig, dass man diese Authentizität auch behält. Das macht die waren Charaktere aus!“

Jahrelange Erfahrungen am Limit, akribische Vorbereitungen, viele Hacken hinter erledigten Teilzielen und Mentale Fähigkeiten, die in den Bereichen Reaktionsfreudigkeit, Entscheidungsfreudigkeit und Fokussierung herausragend sind, haben Felix Baumgartner zu diesem außergewöhnlichen Menschen gemacht, der er heute ist. Und trotzdem weiß auch er: „Du hast den Kopf komplett frei für deine Aufgabe die du bewältigen musst. Und diesen Zustand, diesen optimalen Zustand herbei zu führen, dass ist natürlich die wahre Kunst!“